Dora Love

Die SBG trauert um die langjährige Wegbegleiterin und Förderin der Gesellschaft

Dora Love wurde 1925 in Memel geboren. Im März 1939 floh sie mit ihrer Familie vor den Deutschen über die litauische Grenze nach Schaulen, kurz darauf unter russischer Besatzung. Nach dem Einmarsch der Deutschen im Frühjahr 1941 wurde die Familie getrennt. Ein Bruder floh in die UDSSR, Dora, die Eltern und eine Schwester kamen ins Getto Schaulen. Sie wurde erst zur Arbeit am Flugplatz verwendet, kam später monatelang zum Torfstechen nach Deutschland. Von 7 Lastwagen voller Menschen, kehrte ein einziger mit 17 Menschen nach Schaulen zurück. Als das Schaulener Getto liquidiert wurde, wurde Dora mit Mutter und Schwester in Güterwaggons nach Stutthof gebracht. Ihr Vater kam nach Dachau. In Stutthof traf sie ihren anderen Bruder, der aus Kaunas dorthin gebracht worden war. Nach einer Woche in Stutthof starb die Mutter, später die Schwester während einer Typhus Epidemie, und Dora blieb allein. Erst nach dem Krieg erfuhr sie, dass ihr Vater in Dachau und ein Bruder in der UDSSR überlebt hatten. Als die Rote Armee näher kam, wurden am 26. April 1945 60-80 Leute von deutschen Wachen auf Schuten getrieben, die aufs Meer geschleppt wurden. 7 1/2 Tage trieben sie auf der Ostsee, bis sie der Wind am 3. Mai in die Lübecker Bucht trieb, wo zu dem Zeitpunkt die „Cap Arcona“ und die „Deutschland“ irrtümlich von den Briten bombardiert wurden. Zwei Skandinavier schwammen an Land, kamen mit kleinen Booten zurück und legten die entkräfteten Insassen am Ufer aus. Die inzwischen eingetroffenen Briten nahmen sich der Überlebenden an.

Dora war an Tuberkulose erkrankt. Im Neustädter Krankenhaus schrieb sie ungelenke englische Gedichte, die sie zerknüllte und auf den Boden warf. Ein Offizier der britischen Armee hob sie auf: Frank Love, ihr späterer Mann. Er besuchte sie täglich im Krankenhaus und ein halbes Jahr später heirateten sie. Dora arbeitete dann für die britische Armee, die UNRRA und den AJDC. Ihre Bedingung für diese letztere Mitarbeit war, dass sie Kinder suchen dürfe, und nach Hamburg bringen, Sie suchte über Anzeigen in Städten und Dörfern Deutschlands und Osteuropas. 178 Kinder hat Dora so gefunden. Sie wurden in einem Waisenhaus in Blankenese soweit wie möglich physisch und psychisch wieder hergestellt und mit Doras Hilfe auch auf illegalem Wege nach Palästina gebracht. Später führte sie die Arbeit ihres Mannes nach Süd-Afrika, wo ihre beiden Kinder, Janet und Seth geboren wurden.

Doras Leben nach dem Krieg war der Erziehung der jüngeren Generation gewidmet, der sie die Schrecken der Shoah am Beispiel ihres eigenen Schicksals schilderte. In den letzten Jahren arbeitete sie eng mit der historischen Abteilung der University of Essex zusammen und half, ein Programm für Holocaust Studien zu erarbeiten. In Anerkennung ihres couragierten, vorbildlichen Engagements wurde ihr dort 2009 die Ehrendoktorwürde verliehen. Große Hingabe und Engagement prägten auch ihre Tätigkeit auf dem Feld des Jiddisch. Sie unterrichtete diese Sprache, sie hielt Referate auf Jiddisch und unterstützte unsere Gesellschaft auch materiell. Mit über 80 Jahren war sie noch rüstig, präsent und unermüdlich. Nun ist sie am 26. Oktober 2011 gestorben.
Sie wird uns fehlen.