Trauerrede am Tag der Beisetzung, dem 3. Juni 2016

von Danka Kowalski

 

Liebe Familie von Dorothea, liebe Wilde Rosen Nachbarn, liebe Musiker, liebe Mitglieder von der Salomo-Birnbaum –Gesellschaft, liebe Schüler von ihr - mit einem Wort- liebe Freunde von Dorothea!

Wir trauern hier alle um die gleiche Person - um unsere Dorothea.

Und gleichzeitig hat jeder von uns eine andere Dorothea vor seinem geistigen Auge.

Anders haben sie ihre Schwester oder Nachbarn erlebt, anders ihre Schüler, anders ihre Musikerfreunde.

Viele Facetten von einer Person, ein Reichtum an Talenten und Fähigkeiten!-

Und damit hat sie ihre Freunde und ihre Schüler reichlich beschenkt.

Jetzt möchte ich als Vorsitzende der Salomo-Birnbaum-Gesellschaft, das heißt als Nachfolgerin von Dorothea in dieser Rolle, sprechen.

Salomo-Birnbaum-Gesellschaft ist eine in Hamburg auf Initiative von ein paar Jiddisch-Übersetzern (Dorothea war natürlich dabei) entstandene Organisation, die sich der Pflege und der Verbreitung der jiddischen Sprache und jüdischen Kultur verschrieben hat.

Dorothea hatte für unsere Organisation eine wortwörtlich grundlegende Bedeutung.-

Sie war im Jahre 1995 eines von 10 Gründungsmitgliedern und danach jahrelang die 1. Vorsitzende und die treibende Kraft der SBG.

Grundlegend wichtig auch, weil sie den meisten von unseren Mitgliedern die Grundlagen von Jiddisch beigebracht hat.

Was heiß hier „Grundlagen“?!

Sie hat uns ALLE mit ihrer Liebe zu Jiddisch angesteckt, richtig reingezogen in eine neue, nie endende, echte und sehr starke Leidenschaft!

Seit der ersten Begegnung mit Dorothea ließ diese Leidenschaft niemanden mehr los.

Ihr solltet die Mails ihrer Schüler lesen, die unsere Organisation nach dem Bekanntwerden der traurigen Nachricht bekommen hat.

Manche haben bei ihr nur ein Semesterlang gelernt - aber sie beschrieben es als eine richtungweisende Erfahrung in deren Leben und dazu eine beeindruckende menschliche Begegnung.

Ihren Schülern eröffnete sie die Tür zu einer neuen Welt.

Einer Welt voller ungeahnter Schätze und Erlebnisse, voller Begegnungen mit faszinierenden Persönlichkeiten, neuen Denkweisen, ganz spezifischem Humor und besonderer Farbigkeit, einer Welt voller Begegnungen mit dem traditionellen religiösen Leben und dem Streben nach Emanzipation davon.

Kurz gesagt sie hat ihren Schülern eine Begegnung mit der reichen, jahrhundertalten Kultur und Tradition der osteuropäischen Juden ermöglicht.

Man erfreute sich mit Dorothea an diesem wunderbaren Schatz und man weinte mit ihr über den unwiederbringlichen Verlust dieser Welt und ihrer Bewohner.

Allerdings wollte, konnte Dorothea sich mit dieser traurigen Tatsache nicht abfinden, nein, sie meinte zur Auferstehung dieser Sprache und Kultur beitragen zu müssen!

Sie führte einen richtigen Ein–Personen-Kampf gegen das Vergessen des Jiddischen und für eine Zukunft für diese Sprache.

Sie hat ihre Schüler zu ihren Mitkämpfern gemacht, zu Botschaftern einer verschwundenen Welt, zu Teilnehmern einer weltweiten Rettungsaktion.

Sie war gar nicht bescheiden in ihrem Anliegen, oh nein, sie glaubte an die wundermachende Kraft der Richtigkeit dieses Kampfes und ließ sich auch nicht entmutigen durch irgendwelche “realistischen“, d.h. pessimistischen Analysen der vorliegenden Situation.

Ihr Motor war - ihr eigener - „kategorischer Imperativ“, der ihr enorm viel Energie und Ausdauer für ihr Vorhaben verliehen hat.

Sie konnte Himmel und Erde bewegen, um z.B. ein Buch von einem von wenigen auf Jiddisch schreibenden Schriftstellern, die die Shoah überlebt haben, zu veröffentlichen.

Dazu kam ihre echte Liebe für die Überlebenden, denen sie mit sehr viel Respekt, Wärme und Interesse begegnete.

Ich würde sagen, sie hat sie alle als ihre Elterngeneration empfunden und wurde von ihnen sofort als „yidishe tokhter“ adoptiert.

Wir waren öfters Zeugen von diesen Begegnungen, z.B. in Rehovot oder Tel Aviv bei unserer Israelreise, wo wir viele Mameloshn-Sprecher getroffen haben.

Was für eine Freude herrschte bei diesen Wiedersehen!

Doro war dann dort richtig zu Hause angekommen und verschwand in einem Meer aus Umarmungen!

Mit all diesen Menschen führte sie auch rege Korrespondenz, schrieb mit ihnen über deren schriftstellerische Arbeit - aber auch über deren Gesundheitszustand und sonstige Sorgen.

Dank ihrer Befugnis wird unsere Salomon–Birnbaum-Bibliothek, die Doro sehr am Herzen lag, im Besitz aller dieser Briefe, Dokumente und auch ihrer Bücher sein.

Es gibt ein Wort im Jiddischen, was klingt wie ein uns allen bekanntes Wort auf Deutsch „a mentsh“- bezeichnet aber nicht allgemein einen Menschen, nein, nur einen besonders menschlichen, guten Menschen.

Dorothea war „a mentsh“!

Wir haben in Dorothea einen Schatz verloren - und gleichzeitig von Dorothea einen reichen Schatz geerbt -, was allerdings mit viel Verantwortung und Verpflichtung zu weiteren Anstrengungen verbunden ist.

Das wird nicht leicht für uns, ihre Erben, sein, dem gerecht zu werden.

Wir werden uns dem aber stellen müssen - in Erinnerung an Dorothea!

 

Koved (Ehre) ihrem Andenken!

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