Die Braut durch den Schleier küssen

Zur Herausforderung bei Übersetzungen aus dem Jiddischen
Vortrag auf Deutsch / Seminar auf Jiddisch von Esther Alexander-Ihme und Niki Graça
Jiddisch als Sprache
Samstag, 14. September 202415:00 - 18:00
Gedenk- und Bildungsstätte Israelitische Töchterschule, Karolinenstraße 35, U Messehallen
mit Pause nach einer Stunde zwischen Vortrag und Seminar
Wir bitten um Anmeldung unter: birnbaum-blitspost@web.de
lange nach Kulbaks Tod erschienene Zelmenyaner-Ausgabe von 1971, sovetski pisatel, Moskau, Gestaltung des Buchdeckels L. I. Moroz, Quelle: https://yiddish-en-urss.yiddish.paris/moyshe-kulbak/

Die jiddische Literatur als eine transnationale, ohne definierte geographische Grenzen, stand stets vor der Herausforderung, sich an die jeweilige jüdische wie nichtjüdische, säkulare wie auch religiöse Umgebung anzupassen. Durch Shoah, stalinistische Verfolgung, aber auch mit der mehr oder weniger freiwilligen Aufgabe der Sprache wurde ihre Literatur zu einer „stummen“, also wenig übersetzten, zumindest bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts.

Übersetzung ist immer Herauslösung „aus einem bestimmten kulturellen, sprachlichen und historischen Kontext“ (Jeffrey A. Grossman), d.h. dem Übersetzer fällt auch die Rolle des Vermittlers der Inhalte zu. In Kulbaks Roman „Selmenianer“ sind Sprache und Inhalt einerseits geprägt vom traditionellen jüdischen Lebensstil, andererseits von den Anforderungen der postrevolutionären nichtjüdischen Umgebung, bei Sutzkever hingegen finden sich Beweinung des historischen Verlustes, aber auch Enthusiasmus im Hinblick auf eine nationale jüdische Wiedergeburt wie auch Zuversicht bezüglich einer kreativen Zukunft der jiddischen Literatur, die er in Israel verortet. Letzteres gilt auch für das Werk Rivka Basman Ben-Haims.

Ein großer Anteil des jiddischen Wortschatzes stammt aus dem Deutschen. Viele dieser Wörter haben jedoch im Laufe der Jahrhunderte leicht veränderte Bedeutungen angenommen und/oder werden in einem anderen Kontext benutzt. Wenn man es sich einfach macht und solche Wörter eins zu eins ins Deutsche setzt, vielleicht sogar noch Anklänge der jiddischen Grammatik beibehält, entsteht ein Text mit stark jiddelndem Charakter. Bei einer solchen Übersetzung von jiddischer Belletristik oder Lyrik ins Deutsche schrumpft anspruchsvolle Literatur dabei schnell zu einem nostalgischen Jargon, der dem Original in keiner Weise gerecht wird. Wenn die Ausgangssprache literarisch anspruchsvoll und eben „korrektes“ Jiddisch ist, dann sollte auch die Übersetzung die hochsprachliche Ebene des Originals wiedergeben, also „korrektes“ Deutsch verwenden. Anhand der Romane „Die Selmenianer“ von Moische Kulbak (1931/1935) und „Emil und Karl“ von Yankev Glatshteyn (1940) soll diese Frage eingehender behandelt werden. Hier wird es auch darum gehen, wie frei die Übersetzung sein muss, um zu einer deutschen Version zu gelangen, die in der Gegenwart Bestand hat.

Moyshe Kulbak, Aufnahme von 1928, Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62402544

Bei der Lyrik kommt eine weitere Schwierigkeit hinzu, besonders wenn es sich um ein Gedicht mit strenger Metrik und Reimen handelt: Wo sich im Jiddischen zweisilbige Wörter finden, sind es im Deutschen meist drei Silben, weshalb man oft gezwungen ist, bei der Übertragung völlig neue Wege zu gehen. „Geheimstadt“ von Avrom Sutzkever (1948) ist ein, was Metrik und Reim angeht, besonders streng komponiertes Langgedicht, anhand dessen sich diese Problematik besonders gut erläutern lässt. Bei der Lyrik Rivka Basman Ben-Haims stellen Metrik und Reime zwar auch eine Schwierigkeit dar, hier steht jedoch im Vordergrund die Absicht, den Klang und die Sprachebene richtig zu treffen.